3 – Begabung kennt keine Herkunft – Unser Bildungssystem schon
Shownotes
Talent ist überall, erkannt wird es aber längst nicht überall. Gerade begabte Kinder aus weniger privilegierten Familien fliegen oft unter dem Radar.
Warum sehen wir Potenzial eher dort, wo wir es erwarten? Wie beeinflussen Herkunft, Erwartungen und Auswahlverfahren unsere Vorstellung von «Begabung»? Und wie fair ist ein Bildungssystem, das nicht allen die gleichen Chancen gibt, ihre Stärken zu zeigen?
In dieser Folge geht’s um übersehene Talente, ungleiche Chancen – und die Frage, ob wir Begabung völlig neu denken müssen.
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00:00:00: Wenn du Lehrerin bist und du denkst, ich habe sowieso so viele Kinder mit Zuwanderungsgeschichte.
00:00:05: Ich kann da gar nichts machen.
00:00:07: Dann fehlt dir das Fundament, dass du Begabungen erwartest.
00:00:14: Und man müsste bei jedem Kind Begäbungen erwarten.
00:00:17: Wenn man sie nämlich erwartet, dann sucht man sie auch.
00:00:20: Und wenn man sie sucht, findet man sich.
00:00:47: Wir starten mit einem kleinen Gedankenexperiment.
00:00:50: in diese Folge stellen wir uns zwei Kinder vor.
00:00:53: Das eine meldet sich im Unterricht oft, es spricht fließend, wirkt selbstsicher und bekommt schnell die Aufmerksamkeit der Lehrpersonen.
00:01:01: Das andere Kind lebt mit der Familie noch nicht so lange in der Schweiz, spricht vielleicht auch nicht perfekt Deutsch und es wirkt im Unterricht etwas eingeschüchtert und zurückhaltend.
00:01:11: Wer von beiden gilt als begabt?
00:01:13: Und noch wichtiger wer von Beiden wird gefördert und warum?
00:01:17: Genau darüber sprechen wie heute in der heutigen Folge von Education to Go unterstützt von Swisslos!
00:01:23: Herzlich willkommen liebe Zuhörende.
00:01:25: und natürlich wie immer Hallo und herzlich Willkommen lieber Margit Stauberg.
00:01:29: Ich freue mich, dass wir heute über ein spannendes Thema sprechen miteinander und du als renommierte Erziehungswissenschaftlerin.
00:01:37: Gibt es deiner Meinung nach so etwas wie Chancengleichheit in der Schule?
00:01:42: Nein!
00:01:42: Die gibt das nicht.
00:01:43: aber... Die Bildungspolitik spricht immer davon, aber das sind zwei Paar Schuhe.
00:01:49: Es gibt sie nicht.
00:01:50: Wir sind auf dem Weg dazu und man bemüht sich eigentlich.
00:01:54: Aber gerade das Thema, von dem wir heute sprechen, zeigt dass eben Chancengleichheit auch in der Begabungsförderung noch überhaupt nicht realisiert ist.
00:02:05: Das ist eine ernüchternde Feststellung in einem Land, Fortschrittlichsten zu sein.
00:02:12: Du hast für den heutigen Podcast eine These verfasst und sie lautet, manche Kinder scheitern nicht an fehlendem Talent sondern an einem System das ihr Talent nicht erkennt.
00:02:22: Eine starke Aussage.
00:02:24: viele Lehrpersonen die werden jetzt vielleicht denken Momentchen mal.
00:02:26: also wir geben hier jeden Tag unser Bestes für unsere Schülerinnen und Schüler.
00:02:31: gegen wen genau richtet sich denn diese Kritik?
00:02:35: Also erstens, wer mich kennt weiß dass ich immer provokative Thesen formuliere.
00:02:40: Die ist provokativ.
00:02:41: das ist aber meines Erachtens positiv weil man sich dann auch emotional damit mit dem Thema auseinandersetzt.
00:02:48: was die Benachteiligung angeht ist es so dass Kinder aus ich sage mal Zuwanderungsfamilien oder man kann auch sagen solche mit Minoritätshintergrund meistens mit einem Vorurteil konfrontiert sind und das lautet, dass eben solche Kinder weniger intelligent sind als einheimische Kinder.
00:03:10: Und dieses Vorurteil ist sehr verbreitet und darüber werden wir heute sicher auch sprechen weil Vorurtleile haben Wirkungen.
00:03:21: Kannst du noch ganz kurz einen Beispiel oder zwei Beispiele dafür machen was ein Minoritätshintergrund ist?
00:03:27: Ja ich habe lange gesagt Kinder mit Migrationsintergrund und da waren aber einheimische Arbeiterkinder ja nicht dabei.
00:03:36: Und da waren auch Kinder, die aus Familien stammen... Probleme haben, Vater oder Mutter und deshalb fasse ich unter dem Begriff Minoritätshintergrund eben alle Kinder zusammen die einen benachteiligenden oder einen schwierigen Hintergrund haben.
00:03:57: Seien das eben solche mit Zuwanderungsgeschichte, seien das Arbeiterkinder, seient als Kinder körperlich behindert sind beispielsweise, aber geistig überhaupt nicht.
00:04:08: Seien das Kinder aus Familien die eine Mutter haben, die depressiv ist ein Vater der Raukoli Christ und so weiter.
00:04:16: Das sind Minoritätsfamilien.
00:04:18: Wir vertiefen das natürlich Und du hast wie immer deine Gedanken zu diesem Thema gebündelt und wirst uns nun deinen Minidiebsteif
00:04:27: vorlesen.
00:04:27: Genau Die Schweiz versteht sich gern als Land der Bildungschancen.
00:04:32: Leistungsbereitschaft Begabung und Eigenverantwortung gelten als zentrale Werte.
00:04:38: Wir sagen, kein Talent darf verloren gehen – doch die Realität ist anders!
00:04:43: Wir übersehen genau die Talente, die nicht ins Bild passen gerade in der Begablungsförderung.
00:04:51: Hochbegabte Kinder aus akademischen und ressourcenstarken Familien werden häufig früh erkannt und gezielt unterstützt Während Kinder mit Zuwanderungsgeschichte oder eben solche aus einheimischen Arbeiterfamilien trotz gleicher kognitiver Fähigkeiten deutlich schlechter Chancen haben.
00:05:14: Zugang zu Förderangeboten, Gymnasien und anspruchsvollen Bildungswegen zu erhalten.
00:05:20: Unser Bildungssystem erkennt Begabung vor allem dort wo sie vertraut wirkt sprachlich perfekt angepasst schulisch erfolgreich.
00:05:30: Wer anders denkt, anders spricht oder anders lernt gilt schnell als Problem statt als Potenzial.
00:05:38: Besonders sichtbar wird das bei Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte – sie bringen Mehrsprachigkeit, Flexibilität in zwei Kulturen zu leben mit.
00:05:48: aber wir messen das nicht!
00:05:50: Wir messen Sprache, wir geben Noten und beuteilen Anpassung und nennen das Begabung.
00:05:57: Doch Begabung wird nicht nur übersehen, sie wird verbaut.
00:06:01: Die unbequeme Wahrheit ist, das Problem ist nicht die fehlende Begabe.
00:06:07: Das Problem ist ein System, das nur erkennt was im ähnelt.
00:06:12: Die Frage ist also nicht ob Begebungen existieren bei Kindern mit Zuwanderungshintergrund?
00:06:19: Die Frage isst warum kennen wir sie nicht?
00:06:23: Damit wird ein zentrales Versprechen der modernen Demokratie infrage gestellt, dass Herkunft nicht über Zukunft entscheiden darf.
00:06:33: Wenn wir über Chancengleichheit sprechen, Marc, haben ja viele das Gefühl, dass heute grundsätzlich alle Kinder Zugang zu Bildung haben.
00:06:40: Weshalb reicht das alleine noch nicht um gleiche Chancen zu schaffen?
00:06:46: Weil es eigentlich nicht nur um Chancenkleichheit geht sondern um Chansengerechtigkeit.
00:06:53: und Chancengerächtigkeit heißt eigentlich, dass man den Kindern die keine guten so guten Voraussetzungen haben, wie zum Beispiel Kinder aus privilegten Elternhäusern.
00:07:06: Dass man die eben besonders unterstützt oder denen die Möglichkeit gibt sich zu entfalten ohne dass eben sie Eltern haben, die das bereits schon tun oder dass sie Eltern habe, die versuchen sich gut zu platzieren.
00:07:24: Also es haben eigentlich alle Kinder einen anderen Anfangspunkt
00:07:28: im Leben
00:07:28: und einem anderen Starting-Freund für dem aus, sie nachher das Leben bestreiten – und das alleine ist ja schon ein Ungleichpunkt?
00:07:34: Genau!
00:07:35: Und wir meinen zum Beispiel immer... Wenn ihr das vertritt, auch die Bildungspolitik häufig.
00:07:42: Wenn wir Kinder schon früh fördern vor der Schule, vor dem Schulleintritt dann ist Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit hergestellt.
00:07:51: Das ist aber nicht so denn Frühförderung muss ja auch wirken.
00:07:56: also Kinder eine frühe Förderung bekommen, garantieren noch nicht oder ihre Ergebnisse garantieren doch nicht dass sie dann wirklich ausschließen können.
00:08:08: Oder Erfolge verzeichnen zum Beispiel in der deutschen Sprache.
00:08:13: Du sprichst davon das unser Bildungssystem Begabungen häufig sehr eng definiert?
00:08:18: Was verstehen wir denn überhaupt unter Begaby und was übersehen wir möglicherweise?
00:08:23: also Begabung ist eigentlich das, was ein Kind mitbringt ab Geburt.
00:08:31: Das heißt, ob es späzifische genetische Anlagen hat im sprachlichen Bereich oder im mathematischen Bereich und ob es eine spezifiche Persönlichkeit hat.
00:08:45: Ähnlich wie Intelligenz sind die kognitiven Föchigkeiten.
00:08:50: Begabung ist etwas umfassender, nicht nur die Kognition sondern eben auch andere aber angeborene Eigenschaften und Talent beispielsweise.
00:09:00: das ist ein Begriff der darauf hinweist dass Kinder etwas zeigen, was sie schon können.
00:09:09: Also ein Beispiel sind vierjährige fünfjährige Buben und Mädchen heute die bereits im Fußball sehr routiniert wirken und schon viel können.
00:09:20: Und man erstaunt ist, dass die eigentlich nicht altersgemäß sind in ihren Fähigkeiten sondern diesem Alter voraus.
00:09:28: Also mein Mann wäre so ein Beispiel der lange Profifußballer und bei ihm ist die Geschichte in der Familie sehr geläufig, dass er schon mit vier Jahren ganz viele Bälle zurückwerfen konnte und sich wahnsinnig talentiert zeigt rund um den Ball.
00:09:41: Ist das jetzt ein Talent?
00:09:44: früh gefördert wurde und deswegen sich entfalten konnte, oder glaubst du das war schon eine Veranlagung?
00:09:49: Ich
00:09:49: glaube bei deinem Mann würde ich jetzt behaupten – ich kenne ihn nur aus den Medien.
00:09:55: Ich würde bei deiner Mann behauptet, dass er wahrscheinlich eben Talent gezeigt hat und dass das aufgefallen ist.
00:10:02: Und das ist das erste, wenn Kinder eben schon zeigen können, dass sie irgendwo herausragend sind dann ist das sehr wichtig!
00:10:13: Dass aber dein Mann so Karriere gemacht hat, das spricht noch für etwas anderes.
00:10:19: Das spricht dafür, dass er nicht einfach ein kleines Wunderkind war und sich plötzlich entfaltete, sondern dass er wahrscheinlich auch dabei geblieben ist, weil er bis hatte... weil er geübt hat, weil er durchsetzungsfähig war.
00:10:36: Weil er auch in der Pubertät drangeblieben ist – das ist manchmal ein Problem für junge Menschen, dass sie in die Pubertäte aufhören damit und dass er viel Zeit investiert hat.
00:10:48: Also eine Begabung muss sich zuerst einmal zeigen oder man muss sie entdecken, das ist richtig aber sie muss sich dann auch... entfalten zu einem Talent.
00:11:00: Und das Talent muss man dann auch pflegen und viel üben, das ist eine harte Arbeit.
00:11:06: Es spricht
00:11:07: auch dafür dass er Eltern hatte die ihn wirklich gefördert und unterstützt hatten.
00:11:12: Wir haben jetzt schon mehrfach das Stichwort Mehrsprachigkeit gehört.
00:11:18: viele Kinder wachsen ja heute mehr sprachig auf.
00:11:20: Man könnte ja meinen das sei eine super große Ressource und gleichzeitig erleben manche Kinder genau deswegen eben Schwierigkeiten in der Schule.
00:11:28: Warum wird Mehrsprachigkeit oft eher als Defizit, als Stärke wahrgenommen?
00:11:33: Also ich würde da unterscheiden.
00:11:36: Mehr Sprachigkeit wird bei Expert-Kindern zum Beispiel die Deutsch und Englisch oder Deutsch und Französisch sprechen, wird das teilweise sogar aus Begabung ausgelegt und man findet das cool und gut und förderlich, eben Begabungsförderung.
00:11:54: Aber sobald ein Kind eine Zuwanderungsgeschichte hat und vielleicht Albanisch spricht oder Serbisch spricht und dann Deutsch lernen muss findet man Mehrsprachigkeit schlecht kritisiert dann nur, vor allem dass diese Kinder zu spät Deutsch lernen oder nicht Deutsch lernen und zu wenig gut Deutsch lernen.
00:12:17: Und das ist sicher eine Herausforderung.
00:12:20: aber wenn ihr nur von mehr Sprachigkeit sprechen wollen ist das eine Kompetenz.
00:12:26: ein Kind das zwei Sprachen spricht und wir gehen jetzt mal davon aus dass es Deutsch lernt und sich auf Deutsch ausdrücken kann vielleicht auch mit einem mit einer längeren Übungszeit.
00:12:41: Aber für eine globale Gesellschaft ist Mehrsprachigkeit enorm wichtig und gerade Kinder mit Zuwanderungsgeschichte haben häufig auch unterschiedliche kulturelle Hintergründe, die eben auch das verstehen.
00:12:56: interkulturelle Verstehen fördern und Mehrsprachigkeit müsste, erstens mal selbstkritisch angeschaut werden.
00:13:04: Und zweitens müsste mehr Sprachigkeit einen besseren Ruf
00:13:08: bekommen.".
00:13:09: Wie stark beeinflusst die sprachliche Ausdrucksfähigkeit denn die Wahrnehmung von Intelligenz oder Begabung?
00:13:17: Das ist eben eine Achillesverse!
00:13:20: Wenn man Kinder hat oder viele Lehrpersonen, würde ich mal sagen schauen darauf.
00:13:28: ob ein Kind sprachlich einigermaßen okay ist, ob er sich auf Deutsch ausdrücken kann.
00:13:34: Und wenn das nicht so der Fall ist wie man es erwartet dann sieht man die Begabung eben nicht.
00:13:40: Man kann also sagen Sprachkompetenz und Begabe gehören eigentlich zusammen.
00:13:46: Wenn Sprach Kompetenz nicht vorhanden ist wie erwartet Dann fraut man einem kind eben auch keine Begabelung zu.
00:13:54: Ein Gedanke aus deinem Text hat mich besonders beschäftigt, dass Lehrperson oft unbewusst unterschiedliche Erwartungen an Kinder haben.
00:14:02: Welche Rolle spielen denn eben solche Erwartung für den Bildungsweg eines Kindes?
00:14:08: Ich kann einen Fachausdruck erwähnen, den wahrscheinlich alle Zuhörenden kennen – das ist der Pigmalien-Effekt.
00:14:16: und da gibt es eine schöne Geschichte!
00:14:18: Warum dieser Pigmalieneffekt nach Pigmalion benannt wurde.
00:14:25: Pygmalion war ein griechischer Bildhauer und er hat sich enorm in einer seiner Statuen verliebt, und er hatte sich über die Massen verliebten in dieser Statue dass ihm dann die Göttin Athena entgegengekommen ist und gesagt hat, ich erlöse dich von dieser Liebe.
00:14:46: Ich mache diese Statue
00:14:48: lebendig.".
00:14:49: Und das ist der Inbegriff des Big-Mail-Effekts!
00:14:53: Wenn du hohe Erwartungen hast, wenn du intensive Erwartung hast, erfüllt sich vielleicht diesen Traum.
00:15:01: Und Lehrpersonen – wenn ich das jetzt auf die Schule übertragen darf – Lehrpersoner, die hohe erwartungen an Kinder haben Die geben den Kindern eben auch das Gefühl mit, dass sie gut sind.
00:15:14: Dass sie wertgeschätzt werden und die werden dann auch selbstsicher.
00:15:19: Das heißt der Pikmaleneffekt hat eben ... Einerseits kann er positive Auswirkungen haben, wenn aber jemand eben wenig Erwartung hat an ein Kind.
00:15:30: Weil es sprachlich nicht so gut ist, weil es aus einer einfachen Familie kommt, dann zieht der Pigmalien-Effekt eher in die... andere Richtung, dass es niedrige Erwartungen sind und hinter spüren das und verhalten sich entsprechend.
00:15:47: Und dann trifft eben diese selbst erfüllende Prophezeiung
00:15:52: ein.".
00:15:53: Die
00:15:53: Lehrpersonen sind ja neben den Eltern oft sehr wichtige Bezugspersonen oder zumindest Autoritätsfiguren, die sehr prägend sind und sehr prägend sein können für Kinder.
00:16:03: Ich hatte zum Beispiel eine Lehrerin, die mich sehr geprägt hat.
00:16:07: Sie hat mir im GIMI ein Talent im Schreiben attestiert, mich gezielt gefördert, mir Lektüre empfohlen und so eigentlich meinen gesamten Karriereweg hin zu Journalistinnen ein Stück weit legitimiert vor allem für mich selber.
00:16:22: Wie groß ist dieser Effekt tatsächlich, wenn einem ein Kind in der Schule eben wenig zugetraut wird?
00:16:28: Ich denke dass die Kinder dann sehr schnell diese Einschätzung des Lehrers übernehmen und von sich.
00:16:36: dann die Überzeugung von sich selbst entwickeln, dass sie eben nicht begabt sein oder manchmal sogar, dass Sie dumm seien.
00:16:45: Also die Erwartungshaltungen spüren Kinder sehr gut und wenn die Erwartungen niedrig sind, verhalten sich Kinder häufig.
00:16:54: dementsprechend eben, dass man sich dann bestätigt fühlt, das dieses Kind keine hohen Begabungen hat.
00:17:02: Und das Kind kriegt auch im Verlauf des Bildungswegs kaum mehr Chancen wahrscheinlich das irgendwie zu revidieren.
00:17:08: dieses Gefühl weil viele Bildungswege werden bereits sehr früh gelenkt oder Empfehlungen für Schulfirmen oder spätere Laufbahn können dann weitreichende Folgen haben.
00:17:16: weshalb sind diese Übergänge gerade für Kinder aus benachteiligten Verhältnissen so entscheiden?
00:17:23: Also erstens in der Schweiz sehr früh selektioniert wird, nach der sechsten Klasse im Durchschnitt.
00:17:31: Und viele Kinder mit Zuwanderungsgeschichte kommen manchmal auch wegen der Sprachfähigkeit in die Realschule als Sekt C und das Problem ist dass wir zwar ein durchlässiges Bildungssystem haben In diesem Segment der eher benachteiligten Kinder diese Durchlässigkeit nicht funktioniert und die dann eigentlich in der Realschule bleiben.
00:17:57: Deshalb spricht man eben auch davon, dass eine frühe Selektion begabungsverhindern sei.
00:18:04: Ich denke aber, das ist nur eine Seite der Medaille.
00:18:08: Die andere Seite ist die, dass eben die Förderung oder die Suche nach Begabungen schon viel früher beginnen müsste und sich eben – und das ist ein ganz wichtiger Aspekt – sich nicht einfach an der Sprachfähigkeit orientieren sollte.
00:18:25: Sprachfähigkeit
00:18:26: also nicht eher nur genügend sprachliche Kompetenz in Deutsch Heißt noch lange nicht, dass das Kind nicht denkfähig ist.
00:18:36: Und da macht man manchmal schon den Fehler, dass man diese beiden Dinge gleich
00:18:41: setzt.".
00:18:43: Was mich beeindruckt hat, du beschreibst viele Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte als ein besonders resilient.
00:18:49: Du sagst sie bewegen sich zwischen verschiedenen Kulturen übernehmen oft früh Verantwortung und lernen mit komplexen Situationen umzugehen.
00:18:56: Und ich musste dabei sehr fest an Freundinnen von mir denken die auch eine zu Wanderung Geschichte haben und die zu Hause zum Beispiel schon als Kind Briefe oder Rechnungen für ihre Eltern übersetzen mussten, weil diese schlicht nicht so gutes Deutsch konnten um dies zu tun.
00:19:14: Sie haben also schon sehr früh sich mit Dingen auseinander gesetzt, mit denen ich mich zum Beispiel nicht auseinandersetzen musste und so wahnsinnig viel Verantwortung früh übernommen.
00:19:24: Warum werden zum Beispiel solche Fähigkeiten oder Kompetenzen im Bildungssystem nicht sichtbar?
00:19:29: Weil wir ein enges Begabungsverständnis haben, eine Definition von Begabeung.
00:19:35: Begaben wird häufig festgestellt an Kriterien wie schulische Leistungen, Angepasstheit und Noten.
00:19:44: Es gibt nach wie vor begabten Förderprogramme, die Kinder auswählen an Hans der Noten.
00:19:51: Und das ist natürlich ein... eine sehr enge Sicht auf Begabung, weil gerade das Beispiel, dass du vorhin erwähnt hast zeigt, dass wir Begabym viel breiter definieren müssten.
00:20:03: Wir müssten praktische Intelligenz auch beurteilen, Kreativität beurteilten durch Haltervermögen beurTeilen oder das Beispiel das Du erzählt hast von den Kindern für die Eltern viele Dinge erledigen müssen.
00:20:21: Solche Kinder und das zeigt die Forschung zu den benachteiligten begabten Kindern, dass sie häufig sehr gut sich selbst organisieren können.
00:20:31: Also Sie müssen nicht nur für die Schule arbeiten, Sie müssen manchmal kleinere Geschwister hüten und Sie müssen Botengänge machen oder Übersetzungsaufgaben übernehmen für die Eltern.
00:20:42: Und wir bräuchten ein viel breiteres Begabungsverständnis, dass sich nicht nur auf das angepasste schulische und intellektuelle Verhalten konzentriert.
00:20:54: Eben du kritisierst in deiner Forschung, dass Begabe oft mit Anpassungen verwechselt wird?
00:21:00: Ja.
00:21:00: Weshalb werden denn eben so angepasstere Kinder häufig als talentierte wahrgenommen, als jene die anecken oder eben ungewöhnlich ihrer Wege gehen?
00:21:09: Also ich denke... Ich kann ja auch aus meiner Karriere sprechen meine Zeit an der Uni sprechen, Studierende die kritisch sind.
00:21:19: Die Nachhacken, die etwas kritisieren was man in der Vorlesung gesagt hat.
00:21:25: das ist eine Herausforderung und Da muss man auch etwas über sich selbst stehen und selbstkritisch sein können.
00:21:33: Und angepasste Schülerinnen, also so die Zugrösschen das ist bekannt aus der Forschung dass diese Kinder automatisch besser bewertet werden als Unangenehmen, die Störefriede.
00:21:48: Dass das eben eine Rolle spielt.
00:21:50: und häufig... Ich nehme an, Lehrpersonen hören das jetzt nicht gerne was ich sage oder einige Lehrpersoninnen hören das nicht gern.
00:21:58: Die zuhören dass in die Noten häufig auch das Verhalten einfließt.
00:22:04: also wir wissen beispielsweise, dass Mädchen durchschnittlich bessere Noten kriegen weil sie angepasster sind, dass Gnaden die Streber sind dass die ebenfalls bessere Noten bekommen als Knaben, die eher faul sind oder sich zurücklehnen und nicht groß mitmachen.
00:22:23: Also das angepasst sein ist nach wie vor ein Ideal des bevorzugten Schülers oder der bevorzugte Schülerin.
00:22:33: Also
00:22:33: wenn wir das alles zusammennehmen, dann verlieren wir nicht nur einzelne Kinder wichtige Chancen, sondern die Gesellschaft insgesamt verschwendet auch ganz viel Talent.
00:22:43: Wenn man nicht richtig hinschaut welche Folgen hat es, wenn Begabung systematisch übersehen wird?
00:22:51: Ich denke dass ich sage immer Kinder mit Zuwanderungsgeschichte sind wahrscheinlich größten Minderleister, die es gibt.
00:22:59: Viele mit Zuwanderungsgeschichte könnten viel mehr als sie eigentlich zeigen.
00:23:06: Man könnte sie viel besser fördern.
00:23:09: Es geht ein großes... Potenzial verloren.
00:23:12: Aber es wäre nicht damit getan, wenn ihr sagt, liebe Lehrpersonen jetzt entdeckt die doch mal und dann fördert sie.
00:23:20: Es ist häufig auch so das Eltern gar nicht besonders interessiert sind, dass diese Kinder besonders gefördert werden.
00:23:31: Die gibt es sehr wohl mit Zuwanderungsgeschichte.
00:23:34: Aber es gibt auch viele, die sagen wir gehen sowieso zurück in unser Land in zehn Jahren und unser Kind muss nicht besonders gefördert werden weil es wird genauso wie wir als Eltern, wir das mal als Portier oder als Service Angestellte arbeiten.
00:23:52: Wir haben jetzt sehr viel darüber gesprochen, wie man es besser machen könnte.
00:23:55: Wen müssen wir denn jetzt gingen?
00:23:57: konkret eigentlich in die Verantwortung nehmen.
00:24:00: Wer ist verantwortlich dafür, dass sich das Bildungssystem dahingehend verbessert?
00:24:05: Also wenn wir den Fokus auf die Begabungsförderung legen dann müssten mal müsste man mal eine Bestandesaufnahme machen.
00:24:14: Welche Kinder denn tatsächlich in einem Begabungsförderungsprogramm sind?
00:24:19: Wir haben das vor zehn oder fünfzehn Jahren gemacht, haben zwei Tausend Kinder untersucht und es hat sich heraus, als die im Begablungsfördernungsprogrammen waren und es hatte sich gezeigt dass etwa achtzig Prozent der Kinder in diesen Programmen aus gut situierten akademischen Verhältnissen kommen Einheimische Kinder und etwa vierzehn oder fünfzehn Prozent waren solche aus gut situierten ausländischen Familien.
00:24:48: Und insgesamt waren es vielleicht sechs Prozent der Kinder, die aus einfachen einheimischen oder auslänglichen Familien stammten.
00:24:58: Wenn wir eben überlegen das ist sehr viele Kinder mit Zuwanderungsgeschichte in der Schweiz gibt und dass diese Kinder etwa fünfhundertfünfzig Tausend ausmachen in der Anzahl.
00:25:12: Und wir gehen in der Forschung davon aus, dass zwei Prozent der Population hochbegabt sind.
00:25:18: Dann wären das ungefähr elftausend Kinder mit Zuwanderungsgeschichte die hoch begabts sind.
00:25:25: Aber wo sind sie denn in den Programmen?
00:25:28: Das wäre für mich eine große Frage wie man ... das bewerkstelligen könnte, dass eben solche Kinder vermehrt auf den Radar gelangen.
00:25:40: Ich kenne einige neuere Berichte die es gibt zu Begabungsförderungsprogrammen aber meistens werden dann nur wird nur untersucht was für Angebote an den einzelnen Schulen gibt.
00:25:53: manchmal wird auch noch das Geschlecht erhoben.
00:25:58: Untersuchung bekannt, die auch die soziale Herkunft anschaut.
00:26:03: Und ich denke das müsste der Begabungsförderung selbst – den Leuten, die Begäubungsförterung betreiben, ein wenig einen Dorn im Auge sein und ich weiß dass das für viele zutrifft.
00:26:15: aber dort müsste man ansetzen und dann überlegen wie ändern wir das?
00:26:20: Ich denke es geht halt erstens auch um Haltungen, um Erwartungen.
00:26:25: Wenn man erwartet, dass Kinder auch aus solchen Milieus Begabungen haben können – das ist der Kernpunkt.
00:26:33: Das ist das Fundament und wie man die dann identifiziert.
00:26:37: und wenn man das über einen IQ-Test macht?
00:26:39: über einen deutschsprachigen IQ-Test oder eben über die Noten, dann fallen solche Kinder in der Regel durch die Masche.
00:26:48: Und werden ausgeschlossen?
00:26:49: Ja!
00:26:49: Dann lassen Sie doch noch groß träumen von einem perfekten Bildungssystem, dass diese Talente breiter erkennt.
00:26:57: Wie könnte das aussehen?
00:26:58: Ein Bildungssystem, das Talente Breiter er kennt berücksichtigt Talente aus allen Milieus.
00:27:05: Die soziale Herkunft würde dann keine Rolle spielen, sondern es wäre die Begabung.
00:27:12: Zweitens wären das Kinder... nicht perfekt im Deutsch sein müssen, die nicht perfekt Deutsch sprechen können.
00:27:22: Die aber vielleicht rekrutiert worden wären weil sie besondere Kompetenzen haben sei das in der Technik oder in der Kreativität, weil sie sehr motiviert sind und so weiter.
00:27:38: also wenn unser Bildungssystem Chancengerechter wäre, dann würde es sich auch auszeichnen dass es mehr Kinder als Minoritätsfamilien in begatten Förderprogrammen hätte und auch stolz darauf wäre.
00:27:54: Wir brauchen nicht mehr Talente wir brauchen Kinder oder Talente die nicht gemäß der Herkunft ausgewählt werden.
00:28:03: Also, vielleicht liegt die Herausforderung dann tatsächlich der Rehnbegabung nicht nur dort zu suchen wo sie eben vertraut aussieht sondern auch dort wo sich anders ausdrückt.
00:28:14: Worauf könnten insbesondere Lehrpersonen sich achten?
00:28:18: Hast du einen Tipp?
00:28:19: Erstens mal das habe ich schon gesagt dass man die Qualität der deutschen Sprache mit Begabung gleichsetzt, sondern eher dass man auch mal schaut wie das Kind in seiner Muttersprache sich entwickelt.
00:28:35: Was es für einen Wortschatz hat?
00:28:38: Wie es denkt in der Mutterssprache.
00:28:40: also das wäre ebenso wichtig.
00:28:42: Das zweite ist, dass Leerpersonen – ich sage jetzt etwas banales – dass sie ihre Haltungen überprüfen bringe.
00:28:49: ein Beispiel, ich habe einen Referat gehabt.
00:28:52: zwei, drei Jahre in einer größeren Stadt in der Schweiz und habe über Begabungsförderung und soziale Herkunft gesprochen.
00:29:01: Und dass man eben eine breitere Begablingsdefinition etablieren müsste und dann hat sich eine Lehrerin gemeldet und gesagt sie fände das hoch interessant was ich sage aber sie würde eben in einem Quartier unterrichten indem es fast oder der Großteil der Kinder hätten eine Zuwanderungsgeschichte Und deshalb seien meine Ausführungen für sie nicht möglich.
00:29:26: Also, Sie könnten die nicht in die Praxis umsetzen.
00:29:29: und das zeigt eben dass die Haltung wenn du Lehrerin bist und du denkst ich habe sowieso so viele Kinder mit Zuwanderungsgeschichte Ich kann da gar nichts machen Dann fehlt dir das Fundament Dass Du Begabungen erwartest.
00:29:47: Und man müsste bei jedem Kind Begabungen erwarten.
00:29:50: Wenn man sie nämlich erwartet, dann sucht man sie auch und wenn man sie sucht, findet man sie.
00:29:57: Dann muss man sie fördern und unterstützen.
00:30:02: Das ist vielleicht fast das zentrale Element ... Erwartungen hat an Kinder und hinschaut.
00:30:11: Und eben nicht nur auf die Sprache schaut, sondern wie ein Kind zum Beispiel ein Problem löst.
00:30:16: Manchmal sind es auch ganz ruhige Kinder, die zurückhalten sind, die eine Kultur der Bescheidenheit zeigen.
00:30:23: Das darf uns nicht daran hindern näher
00:30:25: hinzuschauen.".
00:30:26: Also das
00:30:27: Fazit dieser Folge ist also so etwas, wie Talent ist viel breiter verteilt als wir oft glauben?
00:30:32: Die Chance dieses Talents zu erkennen Leider nicht immer.
00:30:36: Und genau dort gilt es dann vielleicht anzusetzen, vielleicht lohnt sich deshalb in den nächsten Tagen einmal ganz bewusst hin zu schauen.
00:30:43: welches Kind überrascht mich?
00:30:45: vielleicht gerade deshalb weil ich ihm etwas nicht zugetraut hätte.
00:30:49: also ein Plädoyer auch für eine Reflexion der eigenen Erwartungshaltung
00:30:55: und für
00:30:56: mehr Offenheit.
00:30:56: Ja
00:30:57: und auch Austausch im Collegium dass man nicht nur einfach das Defizit Die Defizite sieht dieser Kinder, sondern dass man auch drauf schaut wie sie sich entwickeln und wie sie Fortschritte machen.
00:31:10: Dass man das aus einem potenzial orientierten Blick beurteilt.
00:31:15: Sehr schön!
00:31:16: Liebe Margit ganz herzlichen Dank für dieses spannende Gespräch deine Einblicke- und Ausführungen.
00:31:22: mehr zu diesem Thema und zu vielen anderen Bildungs- und Erziehungsthemen findet man auf deiner Webseite unser www.margitstanm.
00:31:31: Und wenn euch diese Folge gefallen hat, dann lasst es uns gerne wissen.
00:31:34: Abonniert den Podcast, kommentiert und bewertet ihn gerne und teilt ihn unbedingt mit anderen Menschen, Eltern, Lehrpersonen oder allen die sich für Bildungsthemen interessieren.
00:31:43: Nächstes Mal diskutierst du mag ich dann mit Michelle Biri zum Thema Außenseiter.
00:31:49: Sie werden gemacht und nicht geboren.
00:31:52: Wie sehr ist hier eigentlich unser Bildungssystem in der Verantwortung?
00:31:56: Also ich werde plädieren in der nächsten Folge dafür, dass unser System eine gewisse Verantwortung trägt.
00:32:04: Dass man immer bei den Außenseiterkindern davon ausgeht, dass das sowieso eine Charakterfrage sei und dass man da nichts dazu beitragen könne.
00:32:16: Und das System kann schon etwas beitragend nicht bei allen Außenseiterkinderen aber bei einigen schon.
00:32:23: Warst du selbst eigentlich Außenzeiterin?
00:32:25: Ich
00:32:25: glaube ... Ich war vielleicht schon, aber ich war eine enorm angepasste Schülerin und habe deshalb überall mitgemacht.
00:32:34: Und hätte mir nie getraut, irgendwie aufzufallen.
00:32:38: Deshalb bin ich wahrscheinlich im Herzen einer Außenseiterin gewesen, aber von außen her gesehen nicht
00:32:45: mehr.
00:32:45: dazu dann in der nächsten Folge.
00:32:47: Vielen, vielen herzlichen Dank.
00:32:48: Herzlichen Dank
00:32:49: dir Jenny!
00:32:50: Ja ein herzliches Dank fürs Zuhören.
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